Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
… kurz (komplexe PTBS) ist ein Krankheitsbild , das durch schwere, anhaltende Traumatisierungen (z. B. Misshandlungen oder sexueller Missbrauch, Folter, physische oder emotionale Vernachlässigung und lebensbedrohende Ereignisse) entwickeln kann. Sie kann direkt im Anschluss an das Traumata als auch erst später (von Monaten bis Jahrzehnten) in Erscheinung treten.

Unterschied zur „normalen“ Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) …
Sind kognitive, affektive und psychosoziale Beeinträchtigungen, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben.

Verlauf der Krankheit …
Die Komplexität zeigt sich vor allem in dem sehr variablen Verlauf und den unterschiedlichen Ausprägungen . Häufig zeigen sich die Auswirkungen des Traumatas erst spät oder nur mit einzelnen Symptomen.
Bei leichteren Formen gelingt es Betroffenen oft über lange Zeit, sich damit zu arrangieren. Zumindest wenn sie ansonsten durch psychische und soziale Ressourcen zeitweise kompensieren können. Hierbei wird die Krankheit leider sehr sehr häufig chronisch! Außerdem lagen bei ca. 80 % der Fälle zusätzlich Begleitstörungen vor, die die psychische Belastung zusätzlich erhöhen.

Aufgrund der häufigen Individualität werden bei den Betroffenen oftmals falsche Diagnosen gestellt, die sich lediglich auf die Einzelsymptome wie z.B. Angststörungen oder Depressionen richten. Unbehandelte oder falsch behandelte Traumaschäden verschwinden nicht von allein. Sie bleiben bestehen, auch wenn sich die Symptome verändern oder teilweise kompensiert werden können.

Ein weiterer, das Problem verstärkender Faktor : Da das Verhalten der Betroffenen häufig ablehnende Reaktionen anderer Menschen auslöst, sind die sozialen Beziehungen beeinträchtigt, was ihre Probleme weiter verstärkt.
Grundsätzlich scheinen sich die Folgen schwerer komplexer Traumata nie vollständig zurückzubilden und dieNachwirkungen der Traumata können immer wieder in Erscheinung treten. Durch medikamentöse und psychotherapeutische Verfahren werden sie jedoch gemildert.

Zusammenhänge mit anderen Krankheitsbildern
Die Symptome der komplexen PTBS zeigen große Überschneidungen mit anderen Krankheitsbildern– insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung und dissoziativen Störungen (das ist die Trennung oder auch Absplittung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten).
Symptome einer komplexen Posttraumatische Belastungsstörung
Im Verlauf der Erkrankung eine Vielzahl von Symptomen auftreten. Sie lassen sich sechs übergeordneten Bereichen zuordnen:

1. Veränderungen in der Regulation von Affekten und Impulsen (Umgang mit Ärger, autodestruktives Verhalten, Suizidalität, Störungen der Sexualität, exzessives Risikoverhalten)

2. Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein (Amnesien, zeitlich begrenzte dissoziative Episoden und Depersonalisationserleben)

3. Veränderungen der Selbstwahrnehmung (Ineffektivität, Stigmatisierung, Schuldgefühle, Schamhaftigkeit, Isolation und Bagatellisierung, Verlust des Selbstwertgefühls)

4. Veränderungen in Beziehungen zu anderen (Unfähigkeit anderen Personen zu vertrauen, Reviktimisierung, Viktimisierung anderer Personen)

5. Somatisierung


6. Veränderungen von Lebenseinstellungen (Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Verlust früherer stützender Grundüberzeugungen)

Für die Diagnose nach ICD-10 ist es erforderlich, dass mindestens zwei der folgenden Persönlichkeitsänderungen beschrieben werden:

o feindliche oder misstrauische Haltung
o sozialer Rückzug
o andauerndes Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit (das ggf. mit einer gesteigerten Abhängigkeit von anderen, der Unfähigkeit, negative oder aggressive Gefühle zu äußern, oder anhaltenden depressiven Symptomen einhergehen kann)
o andauerndes Gefühl von Nervosität oder von Bedrohung ohne äußere Ursache (das ggf. zu Gereiztheit oder Substanzmißbrauch führen kann)
o andauerndes Gefühl der Entfremdung (anders als die anderen zu sein), ggf. verbunden mit dem Gefühl emotionaler Betäubung.

Die beschriebene Symptomatik darf vor dem traumatischen Ereignis nicht vorhanden gewesen sein und nicht durch eine andere psychische Störung (z.B. Depression) bedingt sein. Die beschriebene Persönlichkeitsänderung muss seit mindestens zwei Jahren bestehen. Im Falle einer vorangegangenen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sollte eine anhaltende Persönlichkeitsänderung nur angenommen werden, wenn die PTBS vorher mindestens zwei Jahre lang erfüllt war (das heißt, die Diagnose erfordert hier mindestens zwei Jahre PTBS plus mindestens zwei Jahre Persönlichkeitsänderung).
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